Hommage für Meister Noro

Masamichi Noro 21.1.1935 – 15.3.2013

Der Lebenskreis eines der größten Meister der Kampfkunst hat sich geschlossen. Seine Kunst war das Aikido aus dem er seit 1979 kontinuierlich seine eigene Kunst, die Methode Noro-Kinomichi oder schlicht „Kinomichi“ entwickelte.

Er war einer der letzten noch lebenden Ushi-Deshi 1 von Morihei Ueshiba, dem Begründer des Aikido, den man in einem Atemzug mit den Begründern des Judo und des Karate-Do, Jigoro Kano und Gichin Funakoshi nennen muss.

Sechs Jahre hatte er seinen Lehrer tagaus tagein begleitet, bevor er nach Europa entsandt wurde, um Aikido weiter zu verbreiten. Ich will hier nicht die einzelnen Stationen seines Werdegangs nachzeichnen, sondern aus meiner sehr persönlichen Sicht die großartige Persönlichkeit dieses außergewöhnlichen Menschen in Erinnerung rufen, der durch sein Charisma, durch seine weitgefächerten Talente und Begabungen eine Ausstrahlung weit über den eigentlichen Bereich der Kampfkünste hinaus entfaltete.

Ich hatte das Glück, ihm schon 1975 erstmals zu begegnen und seitdem die Entwicklung des Kinomichi aus nächster Nähe miterleben zu dürfen.

1975 war ich zum ersten Mal auf einem seiner Lehrgänge in Paris, im Dojo in der rue des Petits-Hôtels. Irgendwie hatte er erfahren, dass ich gut Französisch sprach und rief mich zu sich, um etwas zu übersetzen. Ein Deutscher war im Dojo aufgetaucht, barfüßig in einem weißen Gi und hatte sich ihm pathetisch zu Füßen geworfen und um Unterrichtung und Aufnahme im Dojo gebeten. Dass dieser Mann ohne Straßenschuhe daher kam war für ihn ein deutliches Zeichen, dass er jede Erdung verloren hatte. Es stellte sich heraus, dass er Arbeit und Familie Hals über Kopf verlassen hatte. Er wandte sich ihm sehr ernst aber zugleich freundlich zu und sagte: „Gehen Sie wieder nach Hause. Sprechen Sie mit Ihrer Frau, Ihrer Familie und Ihren Kollegen und bringen Sie ihre Angelegenheiten dort in Ordnung. Wenn Sie es dann noch wollen, können sie gerne wiederkommen – mit Schuhen an den Füßen!“

Er hatte ein untrügliches Gefühl für den Energiezustand von Menschen und konnte charakteristische Wesenmerkmale oft intuitiv erfassen und was er sah, sprach er manchmal mit einer fast kindlichen Offenheit aus.

Seine Bewegungen waren von einer unglaublichen Gewandheit, Schönheit und Eleganz und zugleich atemberaubend energievoll. Sein Wirken reichte über die eigentliche Szene des Aikido weit hinaus. Tänzer wie Jean Guizerix und Wilfriede Piollet2, an deren Abschiedsgala auf der Bühne des Pariser Palais Garnier er mit einer eigenen Darbietung teilnahm, Künstler wie der Theaterregisseur Peter Brooks und die Schauspieler seines Centre International de Recherche théatrale suchten den Kontakt zu ihm. Berühmte Pianisten wie Pierre-Laurent Aimard bezeugen, dass sie ihm wesentliche Impulse verdanken. Mia Segal3 nannte ihn, nachdem sie ihn in Japan gesehen hatte, den „Prinzen des Aikido“ in Anspielung auf seine Ausstrahlung natürlicher Noblesse, andere bezeichneten ihn als „Virtuosen des Aikido“, sogar als den „Mozart des Aikido“, als denjenigen, der die Lehren seines Meisters am weitesten assimiliert und integriert habe.

Sein Unterricht war gewürzt mit lehrreichen und humorvollen Anekdoten. So auch die folgende: Man habe ihm angeboten, in einem Film mit Bruce Lee mitzuspielen. Er habe das Angebot angenommen, aber unter einer Bedingung: sollte es zu einem Kampf kommen, dann müsse selbstverständlich er als Sieger hervorgehen! Schallendes Gelächter unter den Schülern.

In seinen Geschichten blitzte eine Art Lausbübigkeit auf und er hatte eine diebische, beinah kindliche Freude daran, sie immer wieder in neuen Variationen zu erzählen. Eines Tages habe es ein Treffen großer Aikidoexperten in Rom gegeben.Sie alle waren noch sehr jung und es gab unter ihnen eine natürliche Konkurrenz, jeder wollte vor den anderen möglichst erfolgreich dastehe. Also erstand er mit dem wenigen Geld das er besaß einen gebrauchten roten Sportwagen. Obwohl er kaum noch Geld für eine Tankfüllung hatte, fuhr er damit am vereinbarten Treffpunkt vor und alle waren von seinem Erfolg überzeugt. Das Geld für die Rückfahrt musste er sich dann bei einem guten Freund leihen.

Er liebte das Überraschende, das Spiel, den spontanen Entschluß und den grossen Auftritt, wenn es sein musste bis hin zur Provokation. So erzählte er gern von Begebenheiten im Haus seines Meisters in Japan. Er war damals für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig und wohlwissend, dass dieser Schweinefleisch verabscheute, zog eines Tages der Geruch von gebratenem Schwein durch die heiligen Hallen des Dojo. Der Meister war außer sich und Noro hoch erfreut, dass es ihm gelungen war, ihn auf so einfache Art aus der Fassung zu bringen. Er scheute sich auch nicht, mit ihm Ausflüge ins Tokioter Nachtleben zu unternehmen und beobachtete interessiert, wie der Meister wohl auf die Begegnung mit jungen verführerischen Frauen oder auf einen Schluck Whiskey reagieren würde.

1966 erlitt er einen schweren Autounfall, den er nur knapp überlebte. Er war bei starkem Nebel in Belgien auf der Autobahn auf einen LKW aufgefahren.

Im Zuge seiner Rehabilitation lernte er Gisèle Noiret und Thérèse de la Foix kennen, zwei Physiotherapeutinnen, die sich mit den verschiedensten Therapieformen von der Eutonie bis zur Methode Mézière beschäftigt hatten. Sie und später auch Frau Dr.Lily Ehrenfried, eine jüdische Ärztin, die nach Paris emigriert war und über Jahre regelmäßig in seinem Dojo ihre Methode unterrichtete, wurden zu einer wichtigen Inspirationsquelle.

Diese Frauen verhalfen ihm zu einer neuen Sicht auf den Körper und veranlassten ihn, die Bewegungstechniken des Aikido ganz neu zu betrachten. Bis dahin hatte er ein äußerst erfolgreiches Dojo in Paris mit über 600 Schülern und mehreren fest angestellten Assistenten geführt. Dennoch war er mit den Ergebnissen seiner Arbeit nicht zufrieden. Die Diskrepanz zwischen den Lehren seines Meisters, der Aikido als einen Weg des Friedens, der Liebe und der Harmonie bezeichnet hatte und dem, was auf dem Tatami in den Dojos tatsächlich vor sich ging, war unübersehbar. Zeitweise forderte er seine erfahrensten Schüler auf, regelmäßig Tanzstunden zu nehmen, damit sie ein besseres Gefühl für Rhythmus und Musikalität der Bewegung entwickelten und suchte immer nach weiteren Möglichkeiten, die jenseits aller Form liegenden Ideen zu vermitteln. Und er scheute sich auch nicht, scheinbar unumstößliche Regeln in den Kampfkünsten in Frage zu stellen. So war es damals streng verboten, die Ferse vom Boden zu lösen, da man dadurch jede Stabilität verlieren würde oder den hinteren Arm zu heben, da man sich dadurch eine Blöße geben würde und angreifbar wäre.

Vor allem stellte er die grundsätzliche Frage, ob denn das Gegenüber immer als Gegner betrachtet werden müsse. Ob das Denken in Kategorien von Angriff und Verteidigung, Sieg oder Niederlage, von Gegnern überhaupt, nicht das eigentliche Ziel, Offenheit, Klarheit und Präsenz zu gewinnen gerade unmöglich mache und letztlich auf der körperlichen Ebene nur Angst und Anspannung erzeuge. Sollte es nicht möglich sein, die in den Kampfkünsten vorhandene Energie konstruktiv zu nutzen und alle destruktiven Aspekte, die sich immer wieder ungewollt einschlichen, zu eliminieren? Ihm war klar, dass dies einen langjährigen Prozess der Umlernens für seinen damaligen Schüler bedeutete. Nichts sei schwerer als sich alter Bewegungsmuster zu entledigen, das dauere 20 Jahre und mehr. Tatsächlich waren viele nicht bereit, ihm auf diesem Weg zu folgen und nocheinmal ganz von vorn zu beginnen. So verlor er bei diesem großen Umbruch weit über 90 % seiner Schüler.

Schlagwortartig hatte er die fünf Grundprinzipien seines Kinomichi in den fünf großen „ S“ zusammengefasst: Souplesse für Geschmeidigkeit, Sourire für Lächeln, Spirale, Sexy und Spiritualität.

„Sexy“ stieß natürlich auf Befremden. Was sollte das? Was das nicht ungehörig? Frauen fühlten sich angegriffen. Was meinte er, wenn er verlangte, eine Bewegung solle sexy sein?

Aber er hatte wieder einen Nerv getroffen. Ja, die Bewegung sollte anregend sein, Lust auf mehr machen, sie sollte schwungvoll und lebendig sein und anmutig daherkommen.

Genußfähigkeit und Lebenlust waren für ihn Teil der Schulung. Alle Sinne sollten sich öffnen, der ganze Menschen sollte sich dem Leben und seinem Mitmenschen gegenüber öffnen, wie eine Blume sich zur Sonne hin öffnet und wenn sich tatsächlich dann unter den Schülern mal zwei gefunden hatten, so präsentierte er sie stolz als „made in Kinomichi“.

Statt Kampfkunst Lebenskunst, statt Gegnern Partner – das war für ihn das wahre Ziel der Kunst von Morihei Ueshiba. Das Aikido hatte er verlassen, seinen Meister nie.

Auf dem Tatami suchte er immer die größtmögliche Nähe zu seinen Schülern. Jeden einzelnen sprach er direkt an. Wenn er sah, dass jemand in der Bewegung den Blick in die Ferne gerichtet hatte, bot ihm das Anlass, über die Neigung der Menschen, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen oder sich selbst unglücklich zu machen, weil sie das Glück immer in weiter Ferne wähnten. Sie seien auf der Suche nach dem Traumprinzen und sähen nicht, wer sich direkt vor ihnen befände. Eine solche kleine Szene hatte sich mir persönlich tief eingeprägt und auch hier die Augen geöffnet. Wenig später begegnete ich dann tatsächlich der Frau meines Lebens. Schaute man hingegen während des Übens permanent zum Boden, so fragte er: „Sind sie ein Schatzsucher? Glauben sie am Boden liegen Goldmünzen? Sehen sie doch, der wahre Schatz befindet sich im Raum, hier um sie herum!“

So gab es während der Kurse immer wieder Momente, in denen er verdeutlichte, wie wichtig die „Vorbereitung des Terrains“ sei. . Vor der eigentlichen Aktion findet eine Vielzahl von Prozessen auf körperlicher wie mentaler Ebene statt. Veränderung erfordert immer zunächst eine innere Bereitschaft und die wollte er herstellen. Wenn er Kurse gab, dann war es kein theoretisches Dozieren, sondern er veranschaulichte seine Ideen meist auf heitere und sehr unterhaltsame Weise.

Er hatte ein großes komödiantisches Talent. Mit einem kleinen Tuch, auf verschiedene Art um den Kopf gebunden, konnte er sich in Windeseile in einen wild kämpfenden Samurai verwandeln , im nächsten Moment in eine verhutzeltes Hexenweib, dann wieder in eine einfache Putzfrau. Solche slapstickartige Einlagen bereiteten ihm großes Vergnügen und schufen zugleich eine heitere, gelöste Atmosphäre, das beste Klima um sich Neuem zu öffnen und zu lernen. Denn das war sein Ziel: die Menschen aus ihren Verkrampfungen zu befreien, ihnen neue Möglichkeiten zu verschaffen, unbeschwerte Bewegungsfreiheit in allen Lebenslagen, nicht nur auf dem Tatami. Praxis und Leben waren für ihn eins.

Die Technik, die Bewegungen selbst, waren das Werkzeug, sein Instrument, um eine tiefgreifenden Transformationsprozess im Einzelnen in Gang zu setzen.

Die Weite seiner Bewegungen sollte auch die Voraussetzungen für geistige Offenheit schaffen. Das Zen-Diktum „ Offene Weite – nichts von heilig“ hat er selbst eindrücklich verkörpert.

Der schwere Unfall, den er 1966 erlitten hatte war der tiefste Einschnitt in seinem Leben. Er lag schwerstverletzt im Krankenhaus, es hieß, er könne nie wieder Aikido machen, die Ärzte prophezeiten ihm, selbst wenn genesen, könne er keine Kinder mehr bekommen. Eine Eisenstange hatte sich tief in seinen Unterleib gebohrt. Nur drei Wochen später verließ er gegen den Rat der Ärzte die Klinik, rief seinen engsten Freund, Meister Katsuaki Asai an, um mit ihm sofort wieder das Training aufzunehmen. Das Sich-Aufrichten wurde sein Lebensmotto. Mit seiner französischen Frau Odyle Noro-Tavel hatte er später nicht nur sechs Kinder. Stolz verwies er darauf, dass es auch noch drei Söhne und drei Töchter waren, denn in allem müsse schließlich die Harmonie gewahrt bleiben.

Neben allem Humor und aller Heiterkeit konnte er aber von tiefem Ernst sein. Die Zeremonien, in denen neue Hakamaträger in die Familie der Hakamas aufgenommen wurden, leitete er mit einem ergreifend schlichten Shinto-Ritual ein. Obwohl selbst kein Mitglied einer Religionsgemeinschaft hatte er allergrößten Respekt vor allen Religionen und spirituellen Traditionen und nahm immer wieder selbst an Zeremonien und Gottesdiensten teil. Er hatte katholisch geheiratet, seine Kinder katholisch taufen lassen und wurde zuletzt mit einer katholischen Totenmesse zu Grabe getragen. In seinem Dojo hatten aber zuvor buddhistischen Mönche das Totenritual zelebriert.

Er war mehr als ein großer Lehrmeister seiner Kunst, er war ein großer Künstler.

Wie alle großen Künstler hatte er die Fähigkeit, voll und ganz im Augenblick zu leben, ganz er selbst zu sein. Dabei wurde er nicht müde zu betonen, dass er nur ein einfacher Mensch sei, mit allen Widersprüchen menschlichen Daseins.

Masamichi Noro hat im Laufe seiner 50 jährigen Tätigkeit eine unschätzbare Zahl von Schülern auf der ganzen Welt beeinflußt und geformt. Viele haben ihn nur über kurze Zeiträume erlebt und waren dennoch tief beinflußt durch ihn, andere waren 50 Jahre an seiner Seite.

„So bin ich ein Künstler, der künftige Künstler formt. Meine Materialien sind Bewegung, Energie und Atem. Mein Ziel .... die Öffnung zum Mitmenschen und zum Universum ...

Mein Ankerpunkt: der Atem der Ewigkeit und der Stille ...

In den letzten fünf Jahren litt er zunehmend an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung und war dadurch gezwungen, seine Aktivitäten immer weiter zu reduzieren. „ Ich bin jetzt ein Sänger ohne Stimme.“

Sein Lebenswerk, das Kinomichi, hatte er bis in die letzten Stufen hinein noch technisch ausformuliert, aber nicht mehr die Kraft, es noch aktiv zu vermitteln.

Als er es 1979 erstmals offiziell präsentierte, hatte er vorausgesagt, dass es mindestens 40 Jahre dauern würde, bevor dessen Existenz überhaupt einem größeren Publikum bekannt würde. Erst in den letzten Jahren hatte er zunehmend Veröffentlichungen akzeptiert.

Bis heute wurden von ihm mehr als 100 Kinomichi-Instrukteure ausgebildet, die schon seit 2001 unter seiner Ehrenpräsidentschaft in der KIIA4 organisiert sind.

Es sei nun die Aufgabe aller, das Kinomichi in die Zukunft zu tragen.

„Ein junger Meister ist groß durch das Versprechen seiner künftigen Stärke. Ein alter Meister ist groß durch die Anerkennung seiner Verletzlichkeit .....Heute hat er eine Weisheit erreicht, die sich der eigenen Verletzlichkeit bewußt ist. Ganz ohne Zweifel, er war ein großer Humanist.“

(Ch.Guenin)

Andreas Lange-Böhm

Im November 2013

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1 Die im Dojo des Meisters lebenden persönlichen Schüler

2 Solotänzer der Pariser Oper

3 Moshe Feldenkrais’ langjährige erste Assistentin, die einige Jahre in Japan gelebt hat.

4 KIIA= Kinomichi International Instructors Association – ursprünglich Verband der Kinomichi-Lehrer, heute auch aller Kinomichi-Übenden.