Entstehung des Kinomichi

Kinomichi ist vermutlich die jüngste Entwicklung in der Tradition der japanischen Budokünste. Masamichi Noro war ein direkter Schüler (ushi-deshi) des Aikidobegründers Morihei Ueshiba.  Man könnte Kinomichi  mit Fug und Recht als den kleinen Bruder oder die kleine Schwester des Aikido bezeichnen.

Wie im Aikido gibt es auch hier keinen Wettkampf. Die einzelnen Übungen reichen von langsamen, fast zeitlupenartigen Bewegungen bis hin zu sehr dynamischen Formen. Darüber hinaus werden Stock (Jo) und Schwert (Bokken) sehr kreativ eingesetzt auch zur Erweiterung und Auslotung der eigenen dynamischen Sphäre.

Im Kinomichi liegt der Fokus  nicht  auf dem Kampf- oder Selbstverteidigungsaspekt, sondern auf der Harmonie im Kontakt zu Partnern und der inneren Entwicklung der Übenden.  Offenheit, Respekt und Harmonie bilden die Grundlage des gemeinsamen Übens. 

Der stufenförmige Aufbau der Übungen in sog. Initiationen schafft die Möglichkeit, Bewegungsabläufe bewußt in allen Details zu studieren. Die Präzision in der langsamen Ausführung der einzelnen Bewegungstechniken ist der Schlüssel, damit auch schnelle dynamische Bewegungen vollkommen frei, weich und geschmeidig ohne alle Härte ausgeführt werden können.  Die Erfahrung des Wechselspiels der Polaritäten von männlich und weiblich, Geben und Nehmen, Nähe und Distanz, von Zusammenziehen und Ausdehnen, Ruhe und Dynamik tragen zur Entwicklung einer sich frei entfaltenden Persönlichkeit bei und lassen sich gewinnbringend auf alle Lebensbereiche übertragen.

In Frankreich ist Kinomichi als eine eigenständige Sportart vom französischen Ministerium für Jugend und Sport anerkannt. Seit Anfang 2018 ist Kinomichi eine eigenständige Disziplin innerhalb der FFAAA ( Fédération française d'Aikido et Activités affinitaires) mit einem eigenen Prüfungskollegium und berechtigt, staatlich anerkannte Dan-Grade zu verleihen.

Eine immer größer werdende Zahl von Kinomichikas ist auch Mitglied im japanischen DNBK (Dai Nippon Butokukai), dem weltweit größten Budoverband.

Hubert Thomas, Präsident der KIIA ((Kinomichi International Instructors Association) und 7. Dan Kinomichi ist zugleich 8. Dan und Hanshi der DNBK.

Weltweit ist Kinomichi aber nach wie vor ein kleine Community. Insgesamt gibt es heute ca. 1500 Praktizierende. Die etwa 100 von Meister Noro persönlich ausgebildeten Lehrer sind in der K.I.I.A. organisiert und unterrichten überwiegend in Frankreich, Deutschland, Holland, Belgien, der Schweiz, Italien und Spanien.

Außerhalb Europas gibt es darüberhinaus sehr aktive Gruppen, vor allem in Brasilien und Mexiko.

Der Name KINOMICHI

WEG (michi) DER (no) LEBENSENERGIE (Ki)

Die kreisförmigen, runden, spiralförmigen Bewegungen des KINOMICHI verdeutlichen die natürlichen körpereigenen Kraftlinien und Energiebahnen. Mit dem Üben der Bewegungen verfeinern sich nach und nach Eigenwahrnehmung und Körperbewusstsein. Der Körper, unser "Zuhause" in dieser Welt, wird im ganzen neu erlebt und anders "bewohnt".

Gemeinsame Elemente aller Bewegungsabläufe sind Spirale und Ausdehnung, Aufrichtung und Expansion im Raum. Die Bewegungen respektieren bzw. folgen  den natürlichen biomechanischen, anatomischen und physiologischen Gegebenheiten. 

Das technische Repertoire umfasst zehn Grundtechniken, die den Körper umfassend mobilisieren und den Fluß der Lebensenergie, des KI, stimulieren.

Meist wird mit einem Partnern gearbeitet, wobei jede/r wechselseitig mal Führende/r mal Geführte/r ist. Mit zunehmender Übung löst sich diese Rollenverteilung auf, so dass am Ende im Idealfall eine Einheit entsteht.

Hinzu kommt das Üben in größeren Gruppen mit drei, vier oder mehr Partnern. Dies erfordert ein hohes Maß an Wachheit und Präsenz und die Fähigkeit unmittelbar im Augenblick zu agieren.

Das Ziel: Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst, mit Partnern und letztlich mit allem was uns umgibt.

KINOMICHI ist ein Gegenentwurf zu allen Methoden der rein äußerlichen "Zurichtung" des Körpers wie z.B. dem modernen Fitnesstraining, das in der Regel die innere Befindlichkeit außer acht läßt.  Es vergleicht den Körper mit einem Musikinstrument, das   behutsam immer wieder neu gestimmt werden muss, damit es seinen guten Klang behält. Das geschieht genau wie beim Stimmen einer Saite durch spiralförmige dehnende Bewegungen. Innere Anteilnahme, Freude an der Bewegung und Spaß am Kontakt mit Partnern sind dabei unverzichtbar. So entsteht ganz natürlich eine bessere Stimmung im doppelten Sinn.

Letztlich schafft KINOMICHI  ein anderes Gewahrsein für Raum und Zeit. Es verleiht der Bewegung Schönheit und dem Übenden innere Stärke, neuen Elan und mehr Lebensfreude.

KINOMICHI ist außerdem aber auch ein geistig - spiritueller Weg, zeitweise ein durchaus mühsamer, wenn wir z.B. erkennen, wie oft wir uns selbst im Weg stehen oder wieviel unnötige Energie wir für unser tägliches Tun aufwenden und dass sich die Stellschrauben für Veränderung oft an ganz anderer Stelle befinden, als wir vermuten. Die Erfahrungen der älteren, die teilweise schon 10, 20 oder 30 Jahre üben, sind dabei für die Jüngeren hilfreich.

So ist im Dojo im Laufe der Jahre eine Gruppe von Lernenden und Übenden entstanden, die sich gemeinsam weiterentwickeln und auf den großen Lehrgängen auch immer wieder mit anderen Kinomichikas in Austausch treten.

 

 

Geistiger Hintergrund und Leitgedanken

Masamichi Noros langer Weg in den Kampfkünsten hatte ihn zu der Erkenntnis geführt, dass Gewalt und Dominanzstreben  immer wieder nur neue Gewalt und Zerstörung bis hin zur Selbstzerstörung hervorrufen. Die meisten Menschen sehnen sich aber nach dem Gegenteil. Sie streben nach Resonanz, Anerkennung und Liebe. Diese Sehnsucht darf aber auch nicht zu Indifferenz, Schwäche und bloßer Nachgiebigkeit führen. Seine Vorstellung ging dahin, dass es doch möglich sein müsste, Menschen zur Gewaltlosigkeit zu erziehen, indem jeder einzelne die Quellen von Gewalt in sich selbst erkennt und in die Lage versetzt wird, sie zu verwandeln.

Daher ist im Kinomichi unser Gegenüber von Anfang an nicht Gegner, sondern Partner. Werden Bewegungen alter Kampftechniken vor diesem Hintergrund ausgeführt, so entstehen Situationen, die ganz neue Erfahrungsmöglichkeiten aufzeigen. Aspekte wie gesunde Aggression, Selbstbehauptung, Lebenskraft und Wille, Zentrierung und Ausdehnung, Ruhe und Bewegung werden sehr konkret erlebbar. Man lernt mit all diesen Aspekten konstruktiv umzugehen und es entsteht im besten Fall so etwas wie gelingende Kommunikation und Kooperation.

Masamichi Noro bezeichnete Morihei Ueshiba, den Begründer des Aikido, als seinen spirituellen Vater im Fernen Osten und Karlfried Graf Dürckheim als seinen spirituellen Vater im Westen. Ergebnis gelingender Kooperation ist in Anlehnung an Dürckheim die Überwindung der "dreifach existentiellen Not" des Menschen: der Angst vor dem Tod, der Angst vor Einsamkeit und der Angst vor Sinnlosigkeit. Die Überwindung der existentiellen Angst des Einzelnen öffne das Tor zu mehr Mitmenschlichkeit.  

Wird jeder Einzelne menschlicher, wird sich das auch in seinem unmittelbaren Umfeld auswirken und auch die Welt als Ganzes ein friedlicherer Ort für alle Menschen.